So langsam geht auch den finanzgebildeten Geldanlegern der Popo auf Grundeis: Ja, theoretisch wissen alle, dass die momentanen Kurseinbrüche wegen Corona eine Zeiterscheinung und auch sehr psychologisch getrieben sind.

Praktisch tut es aber verdammt weh, das eigene Depot dahinschmelzen zu sehen

Ich verstehe Dich. Mir tut es auch weh, wenn ich mich in justETF (da beobachte ich auch alle mir zur Beobachtung angeheischten Depots meiner Kunden) einlogge:
Wohin das Auge schaut, ist es rot. Tief rot.

Unwillkürlich reagiert mein Körper. Meine Pupillen verengen sich (oder weiten, ich weiß nie so genau, wie herum die Abfolge ist), es wird Adrenalin ausgestossen und ich bin gestresst. Selbst wenn Du Dich mental schon auf die roten Zahlen vorbereitet hast – die körperliche Reaktion lässt sich nicht vermeiden, bei mir nicht und bei Dir auch nicht.

Da war doch was mit der Amygdalla…

Bitte mach Dir klar, dass dieser körperliche und mentale Stress, den Du empfindest, vollkommen normal ist.
Umso länger und erfahrener Du im Geldanlagegeschäft bist, umso schneller bekommst Du wieder Ruhe und Gelassenheit in Dein System – aber das ist eine rein rationale Leistung, die sich dann wiederum auf Deinen Körper auswirkt.

Egal, wie erfahren Du bist: Es wird einige Zeit dauern, bis sich das Adrenalin in Deinem Körper wieder abgebaut hat.
Im Grunde sind wir alle nämlich immer noch Kaninchen (oder Steinzeitmenschen), unsere Flucht- und Angriffsmechanismen sind uralt und sie reagieren weitaus schneller, als wir denken können.

Da wir ja bekanntermaßen ein paar Evolutionsstufen weiter sind und nicht mehr blind reagieren müssen, setzt nach ein paar (Milli)sekunden das rationale Denken wieder ein (der Adrenalinausstoß ist aber bereits angerichtet, shit happens) und wir können uns ins Gedächtnis rufen, was wir wissen.

Was siehst Du?

Aber zuerst mal eine kleiner Hinweis, der viel Erschrecken vermeiden kann, wenn Du es Dir mal bewusst machst:
Schau Dir an, welche Erstansicht Dir Dein Broker bietet. Welche Ansicht siehst Du auf den ersten Blick?
Umfasst die momentane Verlustzahl nur den Zeitraum seit Jahresanfang oder den gesamtem Anlagezeitraum?

Bei vielen Brokern wird in der Erstansicht nur der Zeitraum seit Jahresbeginn ausgewiesen – und ja, da sieht es bei uns allen schlecht aus. Wenn Du aber genauer hinschaust und feststellst, dass Du noch weit davon entfernt bist, von Deinem ursprünglich investierten Kapital etwas „verloren“ zu haben, hast Du eigentlich kein Problem. Du hast von Deinen Gewinnen abgegeben, Deinem Kapital ist (noch) nichts passiert. Beruhigend, oder?

Ist aber Dein investiertes Kapital schon angegeriffen, so beantworte Dir folgende Fragen:

  • Wie lange ist mein Kapital bereits investiert?

    Hast Du erst in den letzten ein/zwei/drei Jahren gekauft, so bist Du noch in einem recht kurzfristigen Anlagezeitraum.
    Dein Geld hatte noch gar keine Gelegenheit, genug Gewinne zu erwirtschaften, um eine Delle oder gar einen Crash abzufedern.
    Dein Plan war es aber hoffentlich, langfristig zu investieren – also gib Deinem Geld, den Märkten und Deiner Strategie Zeit, sich auch zu bewähren.
    Mach Dir nochmal klar, dass Du Geldanleger und kein Spekulant bist.

  • Habe ich mein Depot strategisch strukturiert oder punktuell investiert?

    Wenn Du eine strategisch angelegtes ETF-Depot hast, wirst Du trotz aller Verluste im Gesamten auch sehen, dass Deine Staatsanleihen gestiegen sind, derweil Deine Unternehmensanleihen weitaus weniger verloren haben als Deine Aktien.
    Jetzt weißt Du also endlich, warum Du den Anleiheteil hast! Keep cool und lass Deiner Strategie Zeit, sich zu bewähren.Hast Du nur in Aktien-ETFs (oder Einzel-Aktien) investiert, so wäre jetzt der Zeitpunkt, sich zu überlegen, ob Du zukünftig vielleicht doch ein wenig strategischer an die Sache heranzugehen willst: Kläre für Dich, ob Du mit dem Risiko klar kommst.

    Wenn Du aber wirklich ein kleiner Spekulant bist, so hast Du gewusst, dass es auf längere Sicht zwischendurch wirklich schlimm aussehen wird und jetzt gilt kein Jammern, weil es wirklich so kommt. Theoretisch solltest Du beim Gedanken an (künftige) Kaufkurse leuchtende Augen bekommen.

 

Das hast Du alles vorher gewusst, bleib dabei!

Zur Nervenberuhigung möchte ich Dir nochmal ganz kurz und knackig zusammenfassen, was Du zwar schon weißt (oder wissen solltest), was Dir aber im ersten Adrenalinausstoß vielleicht vor lauter Schreck kurzfristig wieder abhanden gekommen ist:

  • Du hast gewusst, dass die Märkte sich nicht linear nach oben entwickeln. Schwankungen, Dellen und Crashs gehören dazu und sind notwendig, damit sich die Wirtschaftswelt weiter entwickeln kann. Solange sich die Welt weiterdreht, wird es aber auch eine Wirtschaftsentwicklung geben – und auf lange Sicht zeigt sie nach oben.
    (Auch wenn es vielleicht notwendig sein wird, „oben“ neu und anders zu definieren, aber das ist ein ganz anderes Thema.)
  • Wir wissen alle nicht, woher, wann und wie stark solche Dellen und Crashs kommen. Wir wissen nur, dass sie kommen.
    (Ist Corona eine stramme Delle oder ein übler Crash? Ich habe keine Ahnung. Frag` mich in einem Jahr nochmal, dann wissen wir es.)

 

„Was tun?“, sprach Zeus

Was Du tun sollst, kann ich Dir nicht beantworten, ohne Deine Gesamtsituation zu kennen. Und selbst wenn ich sie kenne, so weiß ich nicht, wie sehr sich Corona noch auswirken wird – das einzige, was ich mit Sicherheit weiß, ist, dass es noch lange nicht ausgestanden ist.

Wir sehen momentan sehr viel Psycholgie in den massenhaften Angstverkäufen – die wirklich wirtschaftlichen Folgen (die Divendenzahlungen, Umsätze und Geschäftsentwicklung und damit auch die Fundamentaldaten der Kurse beeinflussen) kann noch niemand absehen.
Allerdings kann auch niemand absehen, wie viele Chancen jetzt genutzt werden, wie viele sinnvolle und ertragreiche Umstrukturierungen und Innovationen jetzt auf den Weg gebracht werden und wie schnell sich die Forschung, Staat und Wirtschaft sich auf die neue Situation einstellen werden.
Von dahinein:
Es bleibt alles offen und es dauert mindestens bis nach dem Sommer, bis wir mehr abschätzen können.

Oh, und eine zweite Sache weiß ich noch ganz sicher:
Die (Wirtschafts)Welt wird sich weiter drehen!
(Es sei denn, der Himmel fällt uns auf den Kopf. Dann ist eh alles egal.)

In spätestens 5 bis 6 Jahren werden die Verluste aufgeholt sein.
Und wenn Du in der Zwischenzeit klug rebalanciert und neu investiert hast, wirst Du besser da stehen als je zuvor.

„Was machst Du?“ fragen mich die Menschen

In meinen eigenen Depots habe ich noch garnichts getan.
Wenn keine neuen Überraschungen passieren, plane ich, in den nächsten drei/vier Wochen per Zukauf (also mit neuem Kapital) mein Altersvorsorge ETF-Depot zu rebalancieren.
Außerdem schaue ich mich nach dem ein oder anderen Einzeltitel für mein Spekulations- und Spaßdepot um, ich rechne damit, dass sich schöne Gelegenheiten auftun, kurzfristig unterbewertete Titel einkaufen zu können.

Ansonsten wasche ich mir sehr ausgiebig die Hände (ohne Desinfektionszeug!), bete darum, dass mir liebe und gefährdete Menschen sich nicht anstecken (für mich selbst habe ich weniger Bedenken, ich bin keine Gefahrengruppe) und kaufe keine Hamster (die schmecken mir nicht, außerdem ist da nichts dran!).

Ich wünsche Dir und Deinem ETF-Depot alles Gute und denk dran: Es ist alles nur Psycho! 🙂

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Eine weitere Beruhigungspille: Hier kannst Du Dir ein kurzes Video vom schweizer Prof. Heri anschauen, dessen Erklärungen ich ziemlich gut finde.