„Ach, der Dispo ist doch nur für den Notfall da – und im Sommer ist eben immer ein bisschen mehr Minus auf dem Konto.“ Das hat mir neulich ein Kunde erzählt, gut verdienend, eigentlich völlig überblickend in den Finanzen – bis auf diesen einen Punkt. Als wir gemeinsam nachgerechnet haben, wie lange das Konto tatsächlich schon im Minus war, wurde ihm selbst mulmig. Der Dispokredit ist eines der unauffälligsten Finanzprodukte überhaupt – und gleichzeitig eines der teuersten. Genau deshalb kann man darüber nie zu oft sprechen.
Was der Dispo wirklich kostet
Der Kontokorrent- oder Dispositionskredit (kurz Dispo), also der mit der Bank vereinbarte Rahmen, um das Girokonto ins Minus zu ziehen, wirkt harmlos, weil er so leicht verfügbar ist – kein Antrag, keine Wartezeit, das Geld ist einfach da. Genau das macht ihn gefährlich. Laut BaFin liegt der durchschnittliche Dispozins in Deutschland 2026 bei 11,31 Prozent pro Jahr. Je nach Bank reicht die Spanne von rund 7,5 bis über 13,7 Prozent.
Ein Rechenbeispiel macht das greifbar: Bei 2.500,- Euro Dauer-Minus und einem Zinssatz von 11,31 Prozent zahlst Du für einen Monat rund 23,50 Euro, nach sechs Monaten sind es schon etwa 144 Euro, nach einem Jahr rund 287 Euro – für Geld, das Du ohnehin schon „verbraucht“ hast. Das ist mehr, als viele für ihre Kfz-Versicherung oder ihr Streaming-Abo im Jahr zahlen.
Die versteckte Kostenfalle: geduldete Überziehung
Noch teurer wird es, wenn Du über den eigentlich vereinbarten Dispo-Rahmen hinausgehst. Das nennt sich geduldete Überziehung, und bei rund 45 Prozent aller Konten verlangen Banken dafür einen zusätzlichen Zinsaufschlag – im Schnitt etwa 4,25 Prozentpunkte obendrauf. Damit landest Du schnell bei gut 15 Prozent Zinsen…. Das ist ein Bereich, den viele nur von Dispositionskrediten in schlechten Erinnerungen aus den 1990ern kennen – und der 2026 ganz real wieder existiert.
Was das für Deine Bonität bedeutet
Ein Punkt, der oft für Verwirrung sorgt: Dass Du überhaupt einen Dispo hast, wird der Schufa gemeldet – das ist erst einmal neutral bis positiv, denn es zeigt, dass Dir eine Bank Vertrauen entgegenbringt. Auch die normale Nutzung, solange Du regelmäßig wieder ausgleichst, wirkt sich nicht negativ aus.
Kritisch wird es, wenn Du die Sache mal aus den Augen verlierst. Geht nämlich mal eine Lastschrift zurück, weil Du über das Limit plus Duldung hinausgeschossen bist, kann das extrem unangenehme Folgen haben: von der Kreditkündigung bis zur schwarzen Liste beim Online-Handel ist alles möglich. Und das verhagelt Dir ganz schnell Deine gute Bonität auch bei der Schufa, was Dir später zum Beispiel bei einem neuen Handyvertrag, einer Wohnungssuche oder einer Kreditanfrage im Weg steht.
Warum der Dispo psychologisch so tückisch ist
Was den Dispo von anderen Schulden unterscheidet, ist seine Unsichtbarkeit. Ein Ratenkredit erinnert Dich jeden Monat aktiv an seine Existenz – per Kontoauszug, mit fester Rate, fixem Enddatum. Der Dispo dagegen schleicht sich ein. Es gibt keinen Vertragsabschluss, der Dich innehalten lässt, keine Unterschrift, die Dir bewusst macht, dass Du gerade einen Kredit aufnimmst. Das Konto ist einfach im Minus und weil sich niemand beschwert, ist das ja scheinbar nicht schlimm. Während „Schulden“ normalerweise automatisch etwas Dramatisches – ein Kredit, eine Verhandlung, vielleicht sogar eine Ablehnung, darstellen, läuft ein Dispo ohne diese Reibungspunkte, weshalb er in der eigenen Wahrnehmung oft gar nicht als Schulden gilt. Aber es ist sogar die schlechteste Art von Schulden: reiner Konsumkredit, ohne Aussicht auf jeglichen Return of Invest. Deshalb ist das Nutzen des Dispos eine stille – und außerordentlich schlechte! – Gewohnheit statt einer bewussten Entscheidung, selbst von Menschen, die sonst sehr genau mit Geld umgehen.
Ein paar Warnsignale, die für einen genaueren Blick sprechen
Nicht jede kurzzeitige Nutzung des Dispos ist ein Problem – dafür ist er schließlich da. Aufmerksam solltest Du bei Dir selbst werden, wenn eines oder mehrere dieser Anzeichen zutreffen:
- Das Konto ist seit mehr als drei Monaten durchgehend im Minus, ohne dass sich das spürbar bessert.
- Am Monatsanfang, direkt nach Gehaltseingang, ist der Dispo schon wieder (teilweise) ausgeschöpft.
- Du hast keinen genauen Überblick mehr, seit wann und wie tief Du im Minus bist.
- Größere Anschaffungen werden „einfach über den Dispo“ finanziert, ohne bewusste Entscheidung.
Der Ausweg – ohne schlechtes Gewissen
Falls Du Dich in einem der obigen Absätze wiedererkennst: Das ist kein Grund zur Scham, sondern ein guter Zeitpunkt zum Handeln. Ein paar konkrete Schritte:
- Ehrlich hinschauen: Prüfe in den letzten sechs Kontoauszügen, wie oft und wie lange Du tatsächlich im Minus warst – nicht nur gefühlt, sondern schwarz auf weiß.
- Ratenkredit statt Dispo: Der durchschnittliche Zinssatz für neu vergebene Ratenkredite liegt aktuell bei rund 8,5 Prozent – deutlich unter dem Dispo-Zins. Ein Beispiel: 5.000 Euro Dispo zu 12 Prozent kosten Dich 600 Euro Zinsen im Jahr, derselbe Betrag als Ratenkredit zu 6 Prozent nur rund 300 Euro. Die Ersparnis ist also nicht symbolisch, sondern real spürbar.
- Feste Raten statt Dauerminus: Ein Ratenkredit zwingt Dich zu einem festen Tilgungsplan – das mag unbequem klingen, ist aber genau der Unterschied zum Dispo, der sich sonst endlos fortschreiben lässt.
- Ursache statt Symptom behandeln: Ein Umschulden allein reicht nicht, wenn das Konto danach wieder ins Minus rutscht. Ein realistischer Blick auf Einnahmen und fixe Ausgaben gehört dazu – wie Du dabei mehr Überblick gewinnst, hatte ich bereits in meinem Artikel zu den 6 Finanzkennzahlen beschrieben.
- Notgroschen als langfristige Lösung: Der eigentliche Grund, warum der Dispo überhaupt gebraucht wird, ist eine fehlende oder zu niedrige Reserve für unerwartete Ausgaben. Ein aufgebauter Notgroschen auf einem separaten Konto nimmt dem Dispo langfristig seine Funktion als „Rettungsanker“ – und damit auch seine Notwendigkeit.
- Reduziere Deine Kreditlinie: Für diejenigen, die sich selbst nicht trauen (können, weil sie immer wieder ins Minus rutschen), kann es auch sinnvoll (und eine psychologische Hilfe) sein, den Dispo komplett rausnehmen oder zumindest reduzieren zu lassen. Weißt Du, das 0 wirklich 0 bedeutet, wirst Du automatisch deutlich bewusster mit Deinen Ausgaben umgehen.
Ob ein Ratenkredit zum Ausgleich des Dispos für Dich der richtige Weg ist, hängt von der Höhe Deiner Schulden, Deiner Kreditwürdigkeit und Deiner Gesamtsituation ab – eine pauschale Empfehlung gibt es dafür nicht. Aber ein Blick auf die eigenen Zahlen lohnt sich in jedem Fall, bevor diese leeren Schulden zur Gewohnheit werden.
Nutzt Du Deinen Dispo als kurzfristigen Puffer – oder schon länger als Dauerlösung, ohne dass Dir das bisher richtig bewusst war?
P.S.: Wenn Du unsicher bist, wie Du am besten aus dem Dispo herauskommst oder Deine Finanzen grundsätzlich neu ordnen willst, schau Dir gern mein kostenloses Orientierungsgespräch an.
Quellen:
- Teurer Dispo: Banken verlangen im Schnitt 11,28 Prozent – Verivox
- Dispozinsen im Vergleich – Finanztip
- Dispo-Umschuldung: Zinskosten beim Ratenkredit niedriger – Verivox
- Wie wirkt sich ein Dispo auf die Schufa aus? – creditSUN




