Nachdem ich HIER das gleichnamige Buch vorgestellt habe, möchte ich Dir ergänzend noch meine Gedanken und meine Berufspraxis azu im Bezug auf Anlagestrategien teilen.
Lässt sich eigentlich ganz gut zusammenfassen mit: Die beste Anlagestrategie der Welt nützt dir nichts, wenn sie nicht zu dir passt. Hier erfährst du, warum das so ist und wie du deine persönliche Strategie findest.
„Anette, ich weiß genau, dass ich in ETFs investieren sollte. Ich habe alle Bücher gelesen, kenne die Zahlen auswendig. Aber jedes Mal, wenn die Kurse fallen, bekomme ich Panik und verkaufe alles.“
Diese Aussage höre ich mindestens einmal pro Woche. Und weißt du was? Diese Menschen sind nicht dumm oder irrational. Sie haben nur eine Strategie gewählt, die nicht zu ihrer Persönlichkeit passt.
Das schmutzige Geheimnis der Finanzbranche
Hier kommt eine Wahrheit, die dir niemand gerne erzählt: Es gibt sie nicht, DIE perfekte Anlagestrategie. Was für deinen Nachbarn funktioniert, kann für dich ein Desaster sein. Was für einen 30-Jährigen passt, bringt einen 60-Jährigen um den Schlaf.
Trotzdem verkauft dir die Finanzindustrie immer noch Konzepte von der Stange: „70% Aktien, 30% Anleihen“, „Sparen Sie 10% Ihres Einkommens“, „Kaufen Sie den MSCI World“. Alles mathematisch perfekt optimiert – und trotzdem scheitern die meisten Menschen damit.
Warum? Weil Geldanlage keine reine Rechenaufgabe ist. Sie ist Psychologie pur.
Deine Anlagepsychologie: Was dich wirklich antreibt
In den letzten 35 Jahren habe ich bestimmt Tausend (wenn das reicht. Nein, es reicht nicht, wenn ich so darüber nachdenke.) Menschen bei ihren Finanzentscheidungen begleitet. Dabei habe ich natürlich auch viel von ihnen gelernt – und es hat sich eine Gewissheit herauskristallisiert: Erfolgreiche Anleger haben nicht die „beste Strategie“ – sie haben die Strategie, die am besten zu ihnen passt.
Emotionale Fallen, die jeden treffen
Früher oder später, mehr oder weniger finanziell schmerzhaft laufen alle – naturgemäß besonders Anfänger – in eine dieser Fallen. Selbstverständlich habe auch ich da schon das ein oder andere Lehrgeld bezahlt!
Der Herdeninstinkt ist wohl die gefährlichste. 2020 haben sich Millionen Deutsche ihre ersten Aktien gekauft – auf dem Höchststand. 2022 haben viele wieder verkauft – auf dem Tiefststand. Classic! Das passiert, weil es sich sicher anfühlt, wenn alle über Aktien reden, und Angst macht, wenn alle verkaufen. Mein Rat: Idealerweise hast Du eine Depotstrategie, die immer funktioniert, Dich also unempfindlich gegen die Launen einzelner Despoten, sowie gegen die Krisen & Blasen der Herde macht. Ansonsten: Mache das Gegenteil der Masse. Kaufe, wenn andere verkaufen, und umgekehrt.
Fast genauso tückisch ist die Verlustaversion: Du ärgerst dich über 1.000 Euro Verlust viel mehr, als du dich über 1.000 Euro Gewinn freust. Das ist evolutionär bedingt und völlig normal, führt aber dazu, dass du Gewinne zu früh verkaufst und Verluste zu lange hältst. Die beste Lösung ist Automatisierung: Was du nicht siehst, kann dich nicht emotional beeinflussen.
Die dritte große Falle ist die Selbstüberschätzung: Nach ein paar erfolgreichen Trades denkst du, du hast den Bogen raus. Gefährlicher Irrtum! Auch Profis schaffen es nicht, den Markt langfristig zu schlagen. Bleibe demütig – der Markt ist stärker als du.
Warum die 50+ Generation die besseren Anleger sind
Entgegen aller Klischees haben Menschen über 50 entscheidende Vorteile beim Investieren. Du hast schon Krisen überstanden und weißt, dass nach jedem Abschwung ein Aufschwung kommt. Diese Gelassenheit ist Gold wert. Du kennst deine Grenzen und weißt, was dich nachts wach hält und was nicht. Diese Selbstkenntnis ist der Schlüssel zum Erfolg. Während 30-Jährige noch gerne mit Krypto und Einzelaktien experimentieren, kannst du auf bewährte Strategien setzen. Du brauchst keine Experimente mehr. Außerdem hast du konkrete Ziele: Deine Ruhestandsplanung ist greifbar, was deine Anlagestrategie fokussierter macht.
Die häufigsten Fehler (und wie du sie vermeidest)
- „Ich warte noch auf den richtigen Zeitpunkt“ – den gibt es nicht. Der beste Zeitpunkt ist jetzt.
- „Ich diversifiziere mit 20 verschiedenen ETFs“ ist Übertreibung (wenn wir nicht gerade über ein Depotvolumen > 2 Millionen sprechen).
Ein Grundsatz-Depot mit einem All Country-Welt- und einem aggegrierten Euro-Anleihe-ETF reicht für den allerersten Anfang bis 10.000,- Euro. - „Ich schaue täglich ins Depot“ macht dich nur nervös. Lass es bleiben.
- „Bei Verlusten kaufe ich nach, bei Gewinnen verkaufe ich“ ist Market-Timing und damit Spekulation. Kannst Du gerne machen, wenn Du Dich tief in die Thematik eingearbeitet hast. In der strategischen und langfristigen Geldanlage überlassen wir das (im Großen und Ganzen) dem Rebalancing.
- „Ich höre auf Finanztipps von YouTube und Instagram“ ist gefährlich. Vertraue nur seriösen, qualifizierten Quellen.
Wenn es nicht läuft: Anpassungen machen
Deine Strategie muss sich mit dir entwickeln. Anpassungen sind normal und nötig: Wenn du älter wirst, kann es z. B. sinnvoll sein, den Aktienanteil etwas zu verringern. Wenn du mehr verdienst, erhöhe die Sparrate. Wenn sich deine Lebensumstände ändern, passe die Ziele an. Wenn du mehr Erfahrung bekommst, kannst du mutiger werden. Aber Achtung: Ändere nicht bei jedem Kursrückgang deine Strategie. Das ist der sicherste Weg in die Verlustzone.
Die perfekte Anlagestrategie pro Lebensalter / pro Lebensumstände / pro Anlagevolumen gibt es nicht. Es gibt nur die Strategie, die perfekt zu dir passt. Und diese Strategie findest du nur, indem du dich weiter bildest, dir ehrliche Antworten auf unbequeme Fragen gibst und – wenn es nicht durch mühsames Trial and Error gehen soll – mit auf dich abgestimmter professioneller Unterstützung.
Wichtiger als die höchste Rendite ist eine Strategie, mit der du 20, 30 oder 40 Jahre leben kannst. Eine Strategie, die dich nachts ruhig schlafen lässt und die auch dann funktioniert, wenn die Märkte verrücktspielen.
Meine drei wichtigsten Erkenntnisse für dich:
- Kenne dich selbst: Deine Ängste, deine Stärken, deine Grenzen
- Halte es einfach: Kompliziert ist nicht besser
- Bleibe dabei: Zeit im Markt schlägt Timing des Marktes
Wenn du dir unsicher bist, lass dich beraten – aber von jemandem, der dich als Menschen sieht, nicht nur als Anlagevolumen.
In diesem Sinne: Investiere nicht nur klug, sondern auch zu dir passend. Dein zukünftiges Ich wird es dir danken.
P.S.: Wenn du konkrete Hilfe bei der Entwicklung deiner persönlichen Anlagestrategie brauchst, weißt du ja, wo du mich findest. Ein ehrliches Gespräch bringt dich oft weiter als hundert Finanzratgeber.





